Bauch-Herz oder Kopf?

Entscheidungen stellen die Weichen in unserem Leben. Aber welcher Anteil  - Bauch oder Kopf – entscheidet für uns? Und wer von den beiden trägt mehr dazu bei, dass wir im Leben weiterkommen und glücklich werden?

 

 

Im Gespräch mit Klientinnen, Freunden und Bekannten wird mir oft bewusst, dass viele den Bauch- oder Herzentscheid für das Folgerichtige und Wahre halten, während dem Kopfentscheid etwas nicht Authentisches und somit Negatives anhaftet. Folge deinem Herzen  und Ich entscheide frei aus dem Bauch heraus sind typische Sätze, die zeigen, wie sehr man Herz und Bauch als bessere Wegweiser betrachtet.  Sprüche wie Mit dem Kopf durch die Wand oder auch Ich bin viel zu kopflastig zeigen wiederum, dass der Kopf als schlechter bewertet wird.

 

Aber was genau ist denn eigentlich Kopf und was Bauch und Herz?

 

In der Hypnose-Arbeit sieht man wunderbar, welcher der beiden Seiten welchen Job hat oder wie jede Seite ihren Job erledigt. Und es wird rasch klar,  wer von den beiden der Boss ist: Bauch und Herz schwingen definitiv das Zepter, denn dieser Teil unseres Wesens entstammt dem Unterbewusstsein, welches unser Leben zu mindestens 90% steuert, oftmals ohne dass wir dem gewahr sind. Natürlich arbeitet unser Kopf – in anderen Worten unser Verstand - tagtäglich auf Hochtouren. Der Kopf nimmt neue Informationen auf, vergleicht, bewertet, knüpft Zusammenhänge. Aber die Triebfeder unseres Handelns und unserer Entscheidungen ist jedoch nicht dieser Kopf, sondern sind Bauch und Herz. Jede Entscheidung wird innert dem Bruchteil einer Sekunde getroffen, auch wenn wir im Anschluss noch Tage, Wochen oder Monate mit etwas hadern, weil der Kopf damit nicht einverstanden ist. Bauch und Herz setzen sich durch, weil Gefühle die Motivation für alles sind. Wir lechzen, streben, sehnen, wünschen, hoffen und fiebern unserem Glück und unseren Zielen entgegen. Dabei geht es immer um die ganz grossen Wünsche eines jeden: um Anerkennung, Liebe, Befriedigung und innerer wie äusserer Reichtum. Diese Bedürfnisse kommen bei all unseren Entscheidungen zum Tragen und lassen sich nicht ausschalten. Vor allem aber wollen wir uns auch vor Schmerz und Leid schützen. Aufgrund dessen entscheiden wir so und nicht anders aus dem Bauch bzw. Herz heraus. Dagegen hat der Kopf keine Chance.

 

Jedoch gibt es einen Haken an der Sache. Dieser Bauch-Herz-Boss entscheidet leider nicht immer für unser Wohl. Bauch und Herz – anders gesagt, unser Unterbewusstsein – trägt oftmals einen schweren Rucksack aus Erlebnissen und Erinnerungen mit sich herum. Diese setzten sich zusammen aus allem, was wir je in unserem Leben erlebt haben. Gutes, aber auch Schlechtes. Alles, was uns jemals gefühlsmässig berührt hat, ist in diesem Rucksack enthalten: Der Geburtsmoment eines Kindes, die erste und die letzte Liebe, Albträume, die fristlose Entlassung, der Autounfall, die schwere Krankheit – ja, wirklich alles, was uns jemals aufwühlte, formt den Inhalt dieses Rucksacks, den wir in der Gegenwart mit uns herumtragen. Und wenn wir eine Entscheidung treffen, dann kommt es ganz darauf an, was in unserem Rucksack alles drin ist. Bauch und Herz-Entscheide werden aufgrund all der Erfahrungen gefällt, die wir im Leben (im Rucksack) gesammelt haben. Ein Mensch, der seit seiner Geburt nur Gutes und Schönes erlebt hat, würde wohl tatsächlich ein Bauch- und Herzgefühl haben, das authentisch ist und einem gleichwohl auf den besten Lebensweg führt. Aber wer hatte schon ein durchwegs perfektes Leben?

 

Ein Beispiel dazu aus meiner Praxis. Eine frisch verheiratete Frau kann sich nicht entscheiden, ob sie wirklich Kinder möchte. Sie führt alle möglichen Gründe auf, was gegen und was für Kinder spricht. Die Liste ist lang. Am Ende des Gesprächs meint sie jedoch, das spiele eigentlich alles keine Rolle. Es ginge doch mehr um ihr Bauchgefühl, und ihr Bauch würde ihr deutlich sagen, dass das Kinderkriegen nichts für sie sei, ja, sie regelrecht unglücklich machen werde. Eigentlich wolle sie keine Kinder, aber sie getraue sich nicht, dies ihrem Mann zu sagen. Und sie würde eigentlich immer auf ihre Intuition hören, sagt sie. Das Problem sei daher mehr der Konflikt mit ihrem Mann, da sei sie sich sicher. Klingt plausibel, oder? In der Hypnosesitzung schälte sich aber rasch die Angst heraus, die Angst, mit Kindern genauso überfordert zu sein wie ihre eigene Mutter, die mit ihren Kindern häufig überfordert gewesen war. Dazu kamen auch noch die wortwörtlichen Ermahnungen der Mutter, die ihr, der ältesten Tochter, in Stressmomentan nahegelegt wurden: „Überlege es dir später gut, ob du Kinder willst!“ Diese Aussagen haben sich mit den Jahren tief im Unterbewusstsein der Klientin verankert und ihr Bild über Familie und Kinder geprägt. Auf dieses Bild berufen sich Bauch und Herz, wenn es darum geht, eine Entscheidung betreffend Familienplanung zu treffen. Die Frau hatte also die Haltung über das Muttersein von ihrer Mutter übernommen und in ihren Rucksack gepackt. Sobald sie die Haltung der Mutter als eine nicht die ihre erkannte, konnte sie sich davon befreien und hervor kam plötzlich das Bedürfnis nach einer eigenen Familie.

 

Teamarbeit

 

Wenn also wichtige Entscheidungen anstehen, ist es ratsam, nicht dieser Wertung von Bauch-Herz-Gefühl entgegen dem Kopfdenken zu verfallen. Bauch und Herz bilden zwar authentisch ab, was wir fühlen, was aber nicht heisst, dass diese Gefühle in jedem Fall ein guter Ratgeber sind. Sie sind höchstens ein Strassenschild, auf dem steht „Hier bitte reflektieren“. In der Selbstreflexion sollte man sich dann fragen: Woher kommt meine Sehnsucht wirklich? Welche Erfahrungen in meinem Leben haben dazu geführt, dass ich diese und jene Bedürfnisse habe? Gab es diese Gefühle (Bedürfnisse, Ängste, haben-wollen, aufgeregt-sein, etc.) schon früher in meinem Leben, und wenn ja, wann sind sie entstanden? Um uns selbst diese Fragen zu stellen, ist es sehr wichtig, dem Kopfanteil auch eine Chance zu geben. Im Endeffekt sind wir so ausgestattet, dass die Teamarbeit von Kopf und Bauch-Herz zu dem führt, was wir suchen: gute Entscheidungen, die unser Leben im positiven bereichern und uns in unserer Persönlichkeit weiterbringen.