Gesunder Darm – gesunder Mensch

Es wird auch langsam Zeit, dass der Darm als eines der wichtigsten Organe unseres Körpers und unserer Gesundheit angesehen wird. Lange Zeit betrachtete man dieses lange Rohr von Mund zu Ausgang einfach als Maschinerie, die Nahrung aufnimmt und Überflüssiges wieder abgibt. Futtern und Müll beseitigen. Aktuell wird die intensive Forschung der letzten 10 Jahre endlich sichtbar. Und diese zeigt: Magen, Dünndarm und Dickdarm sind nicht Nebensache, sondern Eckpfeiler der Gesundheit. Das Verdauungssystem ist ein wichtiger Teamplayer des Immunsystems,  des Zellaufbaus. Sogar unser Verhalten und unsere Gefühle sind eng mit dem verknüpft, was sich im dunklen Rohr abspielt. Wir sind also im Zeitalter des Darms angekommen.

    

Grosse Auswirkung

 

Im Dickdarm befinden sich mehr Bakterien als Zellen im Körper. Dies gibt dem Satz „Du bist nicht allein“ nochmals eine ganz andere Dimension. Der Mensch ist permanent in einer Wechselwirkung zwischen diesen kleinen Bewohnern und dem Rest unseres Körpers. Die „guten“ Bakterien nehmen eine wichtige Stellung ein, und ohne diese Gäste könnten wir nicht überleben. Interessant ist, dass diese Mikroben nicht nur den Darm, sondern auch andere Bereiche des Körpers direkt beeinflussen, z.B. die Leber oder auch das Hirn. Ja, richtig gelesen, das Hirn. Darm und Hirn sind über die Darm-Hirn-Achse miteinander verbunden. Es kann also gut sein, dass sich ein Schock oder ein Trauma auf die Verdauung auswirkt (ok, das wisst ihr sicher längst). Aber genauso gut kann es sein, dass unsere Laune und Gefühle durch Bakterien beeinflusst werden. Wie kann das sein?

    

Ein großer Teil unseres Immunsystems befindet sich im Darm. Die Zusammensetzung Darmflora hat z.B. Einfluss darauf, wie rasch mit einer Lungeninfektion umgegangen werden kann, wie schnell sich eine Autoimmunerkrankung im zentralen Nervensystem entwickelt und wie wir auf eine Impfung reagieren. Man kann sich das so vorstellen: Die guten Gäste sorgen dafür, dass Viren, Bakterien und andere schädliche Keime wieder ausgeschieden werden. Damit erhalten sie die Darmschleimhaut gesund verhindern, dass ungeladene Gäste Zerstörung anrichten und zu Entzündungen führen, die sich schließlich im Rest vom Körper ausbreitet. Ungeladene Gäste könnten z.B. Viren, Pilze oder Parasiten sein. Wenn diese einmal die Überhand gewinnen, können sie die Darmschleimhaut angreifen oder sogar zerstören. Ist dies einmal der Fall, stehen die Tore zur Außenwelt offen und jeder – jeder Virus und jeder leidige Käfer – kann hineinspazieren. Die Folgen davon sind ein überlastetes Immunsystem, Beeinträchtigungen des Stoffwechsels und Entzündungen, die nur noch schwer zu stoppen sind.

   

Und Entzündungen, um auf die Frage zurückzukommen, warum Bakterien unsere Gefühle beeinflussen, erfassen auch das Hirn und sorgen dort für ein Ungleichgewicht bei Hormonen und Neurotransmittern. Wenn also die Population im Darm nicht gut ist, entsteht irgendwann eine negative Kaskade, die viel mehr bewirkt als nur Blähungen oder Sodbrennen. Aus all diesen Gründen ist die Darmgesundheit – nebst der Leber und den Nieren - eine der höchsten Prioritäten in punkto Gesundheit. 

  

Aufbau und Optimum

 

Kurz vor der Geburt ist ein Baby das erste und letzte Mal komplett keimfrei. Während des Geburtsprozesses nimmt es über die Mutter erstmals Bakterien über die Haut auf. Dies ist ein erster wichtiger Schritt, um den Darm zu besiedeln und für die Welt da draußen zu rüsten. Kaiserschnitt-Babys könnten es da schwerer haben, weil diese nicht mit der Vaginalschleimhaut der Mutter in Berührung kommen. Die genauen Effekte eines Kaiserschnitts auf das Mikrobiom sind noch nicht geklärt. Aber es wäre ratsam, diesem Neugeborenen etwas Vaginalschleim der Mutter auf die Haut zu geben, um einen ersten Kontakt mit Bakterien zu ermöglichen. Später hält die Muttermilch wichtige Moleküle (Milcholigosaccharide) bereit, welche helfen, die Bakterienkulturen aufzubauen. Stillen ist aus dieser Perspektive sicher ein Pluspunkt. Wer per Kaiserschnitt auf die Welt kam und nicht gestillt wurde, hat darum eher die Neigung zu einem schlechteren Immunsystem (Allergien, Asthma etc.). Ein Tipp von mir: Kolostrum einnehmen. Das ist überschüssige Vormilch von Kühen oder Ziegen und kann via Kapseln oder Kautabletten eingenommen werden. Man kann sich also auch als Erwachsener noch stillen lassen (zwinker).

 

Was im Verlauf eines Menschenlebens wichtig bleibt, ist die Diversität der Bakterien. Was genau eine gesunde Darmflora eigentlich ist, konnte zwar noch nicht vollends geklärt werden, obwohl seit etwa 2008 intensiv daran geforscht wird. Man hat natürlich versucht, Darmmikroben von Gesunden und von Kranken zu vergleichen. Tatsache ist aber, dass sich das Mikrobiom von Menschen in Industrieländern in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten verändert hat. Es ist nicht klar, ob Gesunde auch wirklich als gesund zu betrachten sind. Das Mikrobiom von Urvölkern unterscheidet sich dagegen stark von Menschen aus Industrieländern. Urvölker und leiden kaum an chronischen Krankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauferkrankungen oder Allergien und Stoffwechselstörungen. Der Unterschied von ihnen zu uns ist die Diversität der Bakterien. Das Ziel der Darmgesundheit sollte also Artenvielfalt sein. 

 

Hegen und pflegen

 

Man kann es sich so vorstellen, dass sich jeder Mensch bei der Geburt und in den ersten Lebensjahren eine Art „Grundmischung“ an Bakterien aufbaut. Diese Basis bleibt im Optimalfall ein Leben lang bestehen. Über die Ernährung kann man diese Basis erhalten, fördern, optimieren oder – bei schlechter Ernährung oder häufiger Antibiotikaeinnahme – auch schädigen. Es ist meist nicht so, dass nach der Einnahme von Antibiotika oder Fehlernährung alles zunichte gemacht wird. Sogar einer Salmonellenvergiftung hält die Basis stand. Oft bleibt ein kleiner Rest an Mikroben übrig, der sich nach und nach wieder in seiner ursprünglichen Zusammensetzung aufbaut. Dazu benötigen die guten Gäste aber Nahrung. 

  

Nähren kann man die Bakterien mit fermentierten Lebensmitteln (Sauerkraut, Kimchi, fermentierte Milchprodukte, Kombucha, Kefir, Miso) und mit Fasern von Gemüsen und Früchten. Bakterien mögen ein leicht saures Darmmilieu (die Körperzellen sollten im basischen Bereich sein; Magen und Dickdarm im sauren Bereich). Zucker und zu viele Kohlenhydrate machen den Darm eher alkalisch (basisch), daher diese lieber maßvoll genießen. Aufpassen auch beim Alkoholgenuss. Dieser führt im Übermaß nicht nur zu Durchfall, sondern tötet viele erwünschte Gäste ab. 

  

Dies ist der erste Teil meiner Darm-Reihe. Natürlich gibt es noch viel mehr zu sagen. Viel, viel mehr. Aber ich wollte einmal einen kleinen Überblick geben und den Fokus als erstes auf die Bakterien richten. Natürlich spielen auch der Magensaft, die Verdauungsenzyme und der Stoffwechsel eine wichtige Rolle im Verdauungstrakt. In den nächsten Blog-Artikeln präsentiere ich einige Störbilder zum Thema Verdauung und wie man damit umgehen kann. Schon mal von Leaky gut, Candida, Helicobacter pylori und Magensäuremangel gehört? Dran bleiben und bald lesen.